Ich trage Rock, Bluse, Jackett und hohe Schuhe und bin auf tausend Kilometer Umkreis die älteste Frau die je gesehen ward. Es ist Freitag Nacht in Berlin Mitte und der Club in dem ich mit alten Freunden aus der Vergangenheit verabredet bin feiert eine Studentenparty - ausgerechnet.
Die Zahl derer, die den Club (Disko heißt das ja nicht mehr) betreten wollen ist Legion und ich scheine die Einzige zu sein, die denn Sinn der verschiedenen Schlangen bisher nicht sehen kann. Gott sei Dank erscheint an dieser Stelle ein kleines, solariumgeschwärztes Männchen, dass seine Stimme erhebt mit dem Satz:
„Es fehlt noch Angelina S. vom Tisch des Herrn Dr. XYZ ist die schon hier?“
Er trägt eines von diesen schwarzen Hemden mit der Glitzeraufschrift "Hauptstadtrocker" oder ähnliches, wie sie in der Alexia für gefühlte Tausend Euro zu viel verkauft werden - die aber in Mitte irgendwie modern zu sein scheinen. Durch lustige Schleichwege hinter Vorhängen leitet er mich am Gedränge vorbei, nimmt mir die Jacke ab und winkt dem Gorilla zu, die rote Kordel in die obere Abteilung zu öffnen.
In dem Moment weiß ich - jawohl, ich bin ein Very Important Provinzler.
Man begrüßt sich, bekommt ein Glas Champagner in die Hand gedrückt, Unterhaltung ist so oder so zwecklos und so wippt und tanzt man eben mehr oder weniger für und mit sich selbst, begafft von kleinen Studentinnen auf der Tanzfläche. Dies galt allerdings wohl eher für die Herren unserer Gesellschaft.
Irgendwann zwischen „Mr. Vain“ und „Lets talk about Sex“ falle ich auf das unbequeme Polsterhöckerchen, das ungefähr 30cm hoch ist und es unmöglich macht nicht bescheuert verkrampft zu sitzen.
Um mich herum, respektive unter mir tanzen, gerade volljährig gewordene mit Jeans und bunten Shirts angehoste Kinder und es ist ein wenig, als sei ich in eine Zeitschleife geraten. Die Musik ist die selbe wie früher, die Klamotten sind die Selben und alle sind knapp 18.
Nur ich bin irgendwie älter geworden.
Herrlich allerdings – die lange Jahre angestrebte Coolness, aus der wohl auch das reinweisse Design dieses Clubs entstanden ist – ist definitiv tot an diesem Abend. Keiner der lässig an der Bar steht und versuch sich jedweden Spaß nicht anmerken zu lassen. Keiner der bestenfalls minimal Beweglichkeit zu dumpfen Elektrobeats demonstriert. Nein – es lebe die Party, egal ob auf den Rängen oder im Parkett. Großartig.
Ich kann nicht mehr als genießen, dass sie wieder da ist die gute, alte Party und ignoriere für ein Paar Stunden, dass die auf der anderen Seite der Kordel und die am Nebentisch nur ungefähr drei Jahre älter sind als mein Sohn.
Mitfeiern ist die Devise.
Martina aus (setzen Sie eine Vorstadt Ihrer Wahl ein) nimmt die Hand eines meiner Begleiter - erklimmt also den Olymp und wird mit einem Glas Champagner jenseits des VIP Zauns belohnt. Der Preis dafür ist ihr bis dato vielleicht noch nicht bewusst, sie ist einfach nur froh hier zu sein und freut sich über die neidischen Blicke der anderen Martinas, jenseits der dunkelroten Kordel.
Für genau mitgezählte 47 Sekunden.
Denn schnell folgt der Auftritt des großen Mannes in weiß (die Menschen die dort arbeiten sind weiß wie die Einrichtung) der ihr höflich, aber bestimmt wieder auf die andere Seite hilft. Fast hebt er das zarte Persönchen über die Abgrenzung. Im Laufe des Abends wird sich dieses Spiel noch einige Male wiederholen, bis der blasse Kordelsteher begreift, dass Martina wohl als heutige Begleitung auserkoren wurde.
Gehen, wenn es am schönsten ist und bevor die Martinas dieser Welt merken, dass Champagner selten umsonst ist, sage ich mir und kämpfe mich gemeinsam mit der einzigen anderen Frau meines Alters zum Ausgang.
Als ich nach Hause komme, lacht der Herr Prinz mich aus. Ich habe vergessen das Armband abzureissen.